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Die Steinsburg bei Heinrichs

Die Wunderblume der Steinsburg

Titelbild

Verborgen im Untergrund Thüringens harren noch so manche Schätze auf ihre Entdeckung, wenn man unseren Altvorderen glauben kann. In der Johannisnacht 2013 geht es vielleicht zum Ruppberg oder auf die Steinsburg. Wenn wir in der Publikation „Die Wunderblume der Steinsburg" nachlesen, stoßen wir auf einen interessanten Hinweis. Da wird davon berichtet, wie der Schatz von der Steinsburg gehoben werden sollte. Allerdings gaben die Schatzgräber nach ersten Versuchen damals auf und überließen somit der Nachwelt die Möglichkeit einer erfolgreichen Schatzsuche, so steht es zumindest in diesem Sagenheft.

Von der Steinsburg bei Heinrichs

Auf der Steinsburg hat, der Sage nach, vor uralten Zeiten ein Schloß gestanden; man findet aber nichts mehr davon, als große Basaltstücke, welche eine Art Eingang in die Tiefe wie in einen Keller zu bilden scheinen. Große Schätze sollen dort im Bergesinnern noch vergraben liegen.

Ein Steinmetzmeister in Suhl hatte viel von diesen Schätzen reden hören, auch mannichfach nachgeforscht und oft geträumt, so daß er glaubte, bestimmt zu sein, sie zu heben. Er machte sich daher mit seinen sechs Gesellen auf und begannen nachzugraben. Nach langer Arbeit kamen sie auf eine eiserne Thüre, als es bereits dunkelte, und verschoben voll Hoffnung das Aufbrechen derselben und die fernere Arbeit auf den nächsten Tag. In aller Frühe machten sie sich wieder auf, allein als sie an Ort und Stelle kamen, war weder von der Thüre, noch von ihrer Arbeit eine Spur zu sehen; alles war, wie früher. Nun machten sie sich wieder frisch an die Arbeit, beschlossen aber, die Nacht auf dem Berge zuzubringen. Und als es dunkel wurde, waren sie wieder so weit, wie vorher, wieder an der eisernen Thüre. – Der Morgen schien ganz hell, wie sie aufwachten und einander staunend ansahen; es war wieder alles, wie zuvor, und sie waren allzumal von einem unwiderstehlichen Schlaf befallen worden. Daran nahmen sie wahr, daß ihre Arbeit vergeblich sein möchte, und gingen nach Hause.

So trieb der Urgroßvater des jetzigen Hirten zu Heinrichs einst seine Heerde hinauf auf den Hutrasen bei der Steinsburg. Der erblickte auf einmal eine weiße Lilie vor sich stehen, die ihm gar zu wohl gefiel, darum pflückte er sie und steckte sie auf seinen Hut.

Alsbald erschien ihm eine weiße Gestalt, die ihm winkte. Er folgte ihr in das Gebüsch und erblickte bald eine zuvor nie gesehene eiserne Thüre, durch welche der Geist ihn in ein Gewölbe führte, darin Waffen und Schätze von Gold und Silber aufgehäuft waren. Schweigend bedeutete ihn die Erscheinung, davon zu nehmen, so viel er fortbringen könne. Er that's auch, füllte die Taschen, nahm den Hut ab, füllte auch den und ließ die Blume fallen. Als er sich nun zum Weggang wandte, rief ihm der Geist mit kläglicher Geberde nach: Vergiß das Beste nicht! – Der Hirte sah sich um, wußte nicht, was gemeint sei, dachte nicht an die Lilie, und da ihm ein großes Grauen ankam, enteilte er. Krachend schlug die Thüre hinter ihm zu und verletzte ihn schwer an der Ferse. Lange mußte er an der Wunde kuriren. Niemand hat seitdem wieder den Schlüssel zu den Schätzen gefunden, der liegt im Gewölbe begraben. Die Familie des Hirten aber wurde durch jenen Fund wohlhabend.

(Bem. der Text ist in Originalrechtschreibung)

Ludwig Bechstein
Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes.
4 Bände. Hildburghausen (Kesselring) 1835-38